ÜBER MICH

Zyklusbewusstsein

Zuzu Schäfer | MAY 29, 2025

Zyklisches Leben

Die Körperarbeit ist vielfältig und komplex, hat unzählige Facetten und Nuancen. Das ganze Leben findet in diesem Körper statt. Ich arbeite zyklusorientiert – das bedeutet, ich binde die zyklische Natur des Lebens aktiv in meine Praxis ein.

Zyklusbewusstsein ist kein exklusives Konzept für menstruierende Menschen. Es ist ein Vorschlag, wie wir alle (und damit meine ich vorallem Menschen die im globalen Norden/ Europa/ Deutschland sozialisiert wurden) – egal mit welchem Körper oder welcher Biografie – eine lebendigere, rhythmischere Verbindung zu uns selbst und zur Welt kultivieren können.

Achtung: Auch dieser Text bewegt sich in dem Spannungsfeld auf der einen Seite dich individuell anzusprechen UND auf der anderen Seite die kollektive-strukturelle Ebene ansatzweise herauszuarbeiten. Ich glaube NICHT daran, dass du alleine dieses Problem lösen kannst. Ich bin mir darüber bewusst, dass ein zyklisches Bewusstsein in einer linearen Welt zu verkörpern ein Privileg ist, sehr schmerzhaft sein kann und manchmal einfach nicht möglich ist. Du bist nicht alleine verantwortlich, wir sind das zusammen. Und deswegen schreib ich auch drüber - damit wir mehr werden 🙂

Aber was meine ich eigentlich mit "zyklisch"?

Zyklen sind für mich das Pulsieren, das Ein- und Ausatmen, das Schwingen zwischen Polen. Zyklisch meint auch: beständige Veränderung – und das Vertrauen darin, dass Veränderung dazugehört (lies dazu auch gern meinen Blogpost Vertrauen statt Kontrolle).

Zyklen gibt es auf vielen Ebenen, mit verschiedenen Rhythmen und Zeitspannen. Hier gibt's jetzt ein bisschen Brainfood zum Thema:

Ökologische Zyklen

Ein offensichtlicher Zyklus in Europa ist der der Jahreszeiten: Winter, Frühling, Sommer, Herbst. Diese Übergänge sind deutlich spürbar und haben einen großen Einfluss auf unser Leben und Empfinden. Auch wenn jedes Jahr dieselben vier Jahreszeiten kommen, ist kein Winter wie der andere – vor allem durch den Klimawandel, der diese Zyklen spürbar verschiebt.

Kollektive und strukturelle Zyklen

Auch auf kollektiver Ebene gibt es Zyklen: gesellschaftliche Bewegungen verlaufen in Phasen – Protest, Umbruch, Rückschlag, Regeneration, Transformation. Kämpfe wie queere und feministische Bewegungen erfahren Phasen der Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit.

Auch in Care-Arbeit oder Aktivismus gibt es typische Zyklen: Engagement – Überlastung – Erschöpfung – Rückzug – Regeneration – Rückkehr.

Zyklen im Körper

Im Körper gibt es ebenfalls viele Zyklen. Wenn du menstruierst, ist dir das sehr vertraut. Aber auch ohne Menstruationszyklus erleben wir Verdauungszyklen, Schlafzyklen, Stimmungszyklen, Nervensystem-Rhythmen (Anspannung – Regulation – Ruhe).

Auch Prozesse von Traumaheilung verlaufen zyklisch: Expansion – Überforderung – Rückzug – Integration – Wiederöffnung.

Menschen mit ADHS, Neurodivergenz oder in polyamoren Beziehungen erleben ebenfalls emotionale Zyklen: Nähe – Distanz, Begeisterung – Erschöpfung, Aktivität – Rückzug.

Alles ist verbunden

Das Große im Kleinen, das Kleine im Großen – alles hängt zusammen. Alles beeinflusst sich gegenseitig. Und ganz gleich, wie sehr du es manchmal glaubst: Du bist nicht getrennt. Du bist eingebettet.

Was bedeutet das für das lineare Narrativ, das unsere Gesellschaft prägt? In einer Zeit voller Krisen und Kriege scheint alles nur schlimmer zu werden – aber vielleicht liegt genau darin eine Einladung.

Widerstand gegen das lineare Narrativ

Die Entdeckung meiner eigenen Zyklizität hat mir so sehr geholfen. Das dominante gesellschaftliche Narrativ ist ein lineares: Immer vorwärts, immer höher, nie zurück. Abhaken, optimieren, neu machen.

Das kapitalistische, weiße Narrativ ist geprägt von Wachstum, Effizienz, Fortschritt. Aber was für ein Wachstum ist das, wenn bspw. BIPoC dafür leiden und sterben müssen? Wenn unsere Erde dafür ausgebeutet wird? Ich glaube nicht an diese Kurve, die immer weiter nach oben steigt. Dieses Festhalten an Wachstum hat zerstörerische Folgen.

Zyklisches Bewusstsein als Alternative

Ein zyklisches Verständnis bietet eine andere Perspektive. Und dieses Bewusstsein tragen unter anderem menstruierende Menschen ganz konkret in sich.

In meiner zyklischen Utopie wären Verluste normal. Es müsste nicht immer mehr werden. Wir alle dürften ausatmen und nichts tun. Rückzug und Innehalten wären erlaubt – Teil des Lebens. Wirtschaftliches Handeln würde auch soziale und ökologische Faktoren einbeziehen.

Produktivität wäre nicht das Maß aller Dinge. Nicht-produktiv sein wäre genauso menschlich. Veränderung wäre nicht bedrohlich. Vertrauen würde wachsen. Wir würden langsamer werden dürfen, beobachten, lauschen.

Nicht alles müsste „besser“ werden. Es dürfte auch einfach anders bleiben. Eine zyklische Welt wäre für mich eine Vielfältige, bunte Welt.

Zyklusbewusstsein im Alltag – besonders in der Selbstständigkeit

Was bedeutet das für meine Arbeit?

Es bedeutet, mir immer wieder bewusst zu machen: Es geht nicht um Reichweite. Nicht um Masse. Sondern um Verbindung, Resonanz, Community.

Es bedeutet, mich in eine Welt von Start-Ups und Selbstständigkeit zu begeben – und gleichzeitig bei meinen Werten zu bleiben. Schlupflöcher zu finden. Verantwortung für mein Tempo zu übernehmen. Veranstaltungen abzusagen, wenn ich krank bin. Work-Life-Balance nicht als Schlagwort, sondern als Notwendigkeit zu verstehen.

Es bedeutet, mich nicht mit meinem Business zu verwechseln. Ich bin mehr als meine Arbeit. Und: Ich darf diszipliniert sein – nicht im Sinne von Dauerleistungsfähigkeit, sondern im Sinne von bewussten Entscheidungen.

Ich akzeptiere, dass ich an manchen Tagen weniger kann. Dass ich Pausen brauche. Dass ich nicht alles allein schaffen muss. Dass ich lernen darf, auf meinen Zyklus zu hören – und auch auf die größeren Zyklen um mich herum.

Zyklisches Bewusstsein bedeutet für mich: Lauschen. In Kontakt sein. Raum schaffen. Und andere dazu ermutigen, das auch zu tun.

Was könnte Zyklusbewusstsein in deinem Leben bedeuten?

Was empfindest du beim Lesen dieses Textes?

Zuzu Schäfer | MAY 29, 2025

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