Vertrauen statt Kontrolle
Zuzu Schäfer | APR 16, 2025

In den letzten Wochen bin ich immer wieder ziemlich herausgefordert.
Ich erlebe viel Angst, Unsicherheit und Eifersucht. Ein schreckliches Gefühl – oder?
Für alle, die es nicht wissen: Ich lebe in einer offenen, polyamoren Beziehung.
Das bedeutet: Meine Partnerperson und ich lieben und daten auch andere Menschen.
Und nein – nur weil ich diese Beziehungsform mit tiefer Überzeugung gewählt habe, heißt das (leider) nicht, dass es einfach ist.
Wie schon geschrieben: Ich bin sehr eifersüchtig. Habe große Verlustängste und bin mit starken Selbstwertzweifeln konfrontiert. Die volle Ladung also.
Was hat das mit dem Thema Vertrauen statt Kontrolle zu tun – und wie kann das in einer somatischen Praxis relevant sein?
Ich nehme dich mit auf eine kleine Reise.
Im Folgenden möchte ich die Begriffe Vertrauen, Kontrolle und Disziplin aus emotionaler, somatischer und politischer Perspektive betrachten.
Vertrauen bedeutet für mich, wieder spüren zu lernen.
Wahrzunehmen. Präsent zu sein.
Vertrauen basiert auf Beziehung – zur Welt, zu anderen Lebewesen, zu mir selbst.
Vertrauen schenkt Raum und ist eher wertungsfrei. Es erlaubt ein Aufatmen.
Somatisch gesehen ist Vertrauen ein gelöster, weiter innerer Zustand.
Vertrauen entsteht aus Erdung und Anbindung. Für mich fühlt es sich warm und weich an. Entspannt.
„Ich muss nicht alles wissen.“
„Ich darf mich in Beziehungen bewegen.“
„Ich darf spüren – auch wenn ich es nicht verstehe.“
Vertrauen ist kein Zustand, sondern ein Prozess. Immer wieder neu
In der westlich-weißen Kultur ist Vertrauen auch eine widerständige politische Praxis.
In einer Welt voller Misstrauen, Kontrolle und Angst – insbesondere gegenüber marginalisierten Körpern (TINFLA, BIPoCs, dis/abled etc.) – wird Vertrauen zu einem Akt des Widerstands.
Menschen zu glauben. Raum zu schaffen für Erdung, für echten Kontakt, für Beziehung.
Kontrolle ist auf politischer Ebene oft der Ausdruck von Angst vor Vielfalt, vor dem Anderen, vor dem Nicht-Kontrollierbaren.
In einer Kultur, die andere Perspektiven kolonialisiert hat (und es bis heute tut), liegt ein tiefes Bedürfnis nach Kontrolle zugrunde.
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Was passiert in dir, wenn du an Kontrolle denkst?
Welche körperlichen Empfindungen steigen auf?
Kontrolle ist eine Schutzstrategie, die oft in Momenten der Angst, Unsicherheit oder traumatischen Erfahrung auftaucht.
Natürlich gibt es auch eine gesunde Form von Kontrolle – zum Beispiel im Wahrnehmen der eigenen Grenzen.
Aber häufig ist Kontrolle angespannt, eng, bedrückend.
Sie will festhalten. Verhindern. Sichern.
Kontrolle fragt: „Wie kann ich verhindern, dass etwas passiert?“
Vertrauen fragt: „Wie kann ich da sein, egal was passiert?“
Okay, und wie genau bin ich da, wenn es richtig schwierig wird?
Nehmen wir zum Beispiel meine eigene Beziehungssituation:
Meine erste Reaktion ist Kontrolle. Beschuldigen. Absichern. Einen Ausweg suchen.
Aber dann kommt etwas anderes ins Spiel: Disziplin.
Disziplin klingt erstmal nach Härte, Leistungsdruck, Selbstoptimierung.
Aber im Yoga – speziell im Yoga Sutra von Patanjali – gibt es eine andere Sichtweise.
Unter dem Begriff Tapas wird Disziplin als etwas verstanden, das aus innerer Klarheit und Hingabe kommt.
Im Laufe meiner Praxis und queeren Politisierung habe ich Disziplin neu verstanden: Als ein wiederholtes, liebevolles Ausrichten auf meine Werte.
Nicht als Zwang, sondern als innere Entscheidung.
Als Hingabe an mich selbst und an das Leben, das ich führen möchte.
Für mich bedeutet das: Immer wieder gegen gesellschaftliche Ideale von Leistung und Schönheit zu wählen.
Die zyklische Natur von Gefühlen, Körperwissen und Lebendigkeit zu ehren.
In meiner Beziehungssituation heißt das konkret:
Den oft schwereren Weg zu wählen.
Kontrolle wäre einfacher:
Kontakt abbrechen, Schuldige finden, mich klein machen, Drama inszenieren.
Aber Disziplin heißt:
Mich erinnern. Mich ausrichten. Mich aufrichten.
Daran, dass ich mich bewusst für Poly entschieden habe.
Dass ich gute Gründe dafür habe (magst du sie hören?).
Dass ich für meine Gefühle Verantwortung trage – und nicht allein bin.
Was mich in diesen Wochen hält, ist meine somatische Praxis.
Nicht weil sie leicht ist – im Gegenteil.
Oft bin ich auf der Matte und mein Körper tut weh: meine Schultern, mein Becken, meine Brust.
Meine Gedanken rasen.
Aber ich bleibe da.
Ich schaffe mir einen Raum, in dem ich spüren darf.
In dem ich präsent bin. In dem ich sein darf.
Manchmal bedeutet somatische Praxis auch Co-Regulation mit einem anderen Menschen.
Und manchmal ist sie einfach: Hinsetzen. Atmen. Spüren.
Disziplin ist der Akt, dich immer wieder auszurichten.
Vertrauen ist der Boden, auf dem deine Ausrichtung wachsen kann.
Und Kontrolle? Sie darf auch da sein – sie will dich schützen. Du darfst sie kennenlernen, verstehen, integrieren.
Vielleicht kennst du das auch: Wenn dein Inneres am liebsten die Kontrolle übernehmen will – und du übst, stattdessen zu vertrauen.
Wenn du magst, begleite ich dich auf dieser Reise.
In meinem somatischen Yoga teilen wir diesen Raum.

Zuzu Schäfer | APR 16, 2025
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