ÜBER MICH

Der wilde Leib - eine somatische Annäherung

Zuzu Schäfer | APR 9, 2025

“Wenn alle an der gleichen Dissoziation leiden und niemand es so richtig merkt, dann wird es schwer, einen Anhaltspunkt zu finden, an dem wir uns ausrichten können, um zu einem gesunden und lebensförderlichen Dasein zurück zu finden” (Heike Pourian, wenn wir wieder wahrnehmen, s.72)

Der Wilde Leib

Was ist das eigentlich – ein wilder Leib?

Wie kann ein Leib wild sein?
Und was ist überhaupt der Leib – also bitte, Zuzu wird ja wohl nicht von einem Laib Brot sprechen?

Und „wild“ – was bedeutet das für dich?

Welche Assoziationen kommen denn bei dir hoch? Wenn ich von einem wilden Leib spreche - kannst du Regungen, Gefühle, innere Bilder und/ oder Gedanken wahrnehmen?

Ein kurzer Ausflug in die Theorie

Ich orientiere mich beim Begriff Leib an Hermann Schmitz – auf den bin ich während meines Motologie-Studiums gestoßen. Für mich war das ein echter Aha-Moment.

Ganz einfach gesagt:
Der Leib ist der spürbare, empfindbare Teil unseres Körpers, der nicht unbedingt sichtbar oder greifbar ist.
Er ist das, was du fühlst, wenn du deine Augen schließt – das, was sich „nach dir anfühlt“, auch wenn es sich über die physischen Grenzen deines Körpers hinaus ausdehnt. Oder sich eng macht. In sich zusammenzieht. Manchmal bis in eine winzige Ecke deines Kopfes.

Der Leib ist nicht dein messbarer Körper – sondern dein innerlich erlebter Raum.
Und dieser Raum verändert sich ständig. Der Leib spiegelt sie spezifische (Selbst-)Wahrnehmung und die affektive Betroffenheit - die sich zu jedem Zeitpunkt des Tages und Lebens verändern kann.
Er ist geprägt von deiner Verfassung, deiner Stimmung – aber auch tief von Kultur, deiner Umgebung, deiner Geschichte.

Zum Beispiel:

  • Wie du dich ausdehnen oder zurücknehmen darfst.
  • Ob du deinen Impulsen folgst – oder sie zügelst.
  • Ob du gähnst, wenn du müde bist.
  • Ob du überhaupt merkst, wann du aufs Klo musst – oder dir das irgendwann abtrainiert wurde.

“Der Grund, warum ich mir das Suhlen verkniffen habe, liegt in einer anerzogenen und tief verinnerlichten Scham, würde ich sagen. Wir schämen uns unseres Daseins. Unserer Kreatürlichkeit!" (Pourian, s.81)

-> Kreatürlichkeit: Wir sind Kreaturen, Lebewesen, Organismen. Genau wie alles andere, das lebt. Und dieses Kreaturhafte, das schlichte Lebewesen-Sein haben wir im Laufe der Menschheitsgeschichte verloren, weil unsere Kultur nicht müde wird, das Menschsein über den Verstand zu definieren: “Ich denke also bin ich” (s.81)

Was ist Wild?

Wild braucht ein Nicht-Wild, ein gezügelt, ein domestiziert.

Wild ist da hingegen nicht-kultiviert, ein nicht-beherrschtes. nicht gezähmt, frei in der Natur vorkommendes.

Wild ist also das Gegenteil von dem, was sich einfügt, was unter Kontrolle gebracht und verhandelt wurde, gezähmt, besänftigt, sich von der menschlichen Kultur untertan gemacht.

Wild hat also ultra viel mit der weißen Kultur zutun - das es diesen Begriff überhaupt gibt ist zutiefst kulturell verankert.

Der Leib zuckt, er tanzt, er gähnt, er lacht, er pupst.
Er lebt.

Und doch: Dieser wilde Leib ist oft unter Schichten verborgen – von Scham, Unsicherheit, kulturellen Normen.
Vielleicht kennst du das:
Du unterdrückst einen Impuls.
Du ziehst dich zusammen.
Du passt dich an, noch bevor du überhaupt weißt, woran.

“Der Grund, warum ich mir das Suhlen verkniffen habe, liegt in einer anerzogenen und tief verinnerlichten Scham, würde ich sagen. Wir schämen uns unseres Daseins. Unserer Kreatürlichkeit! (s.81)

Was ist ein Nicht-Wilder Leib? Ein Leib, der in dem Empfindungsrahmen bleibt der ihm zugeschrieben ist, der sich unterordnet - oder untergordnet wird.

Kulturelle Prägung auf körperliche Ebene sind das einverleibte Unterdrücken vom Gähnen, weil es unhöflich ist zu Gähnen. Sind das kaum mitbekommen, davon das eins auf Toilette muss - bis es fast zu spät ist (weil früher in der Schule Toiletten-Gänge nicht erlaubt sind).

Einladung in der somatischen Praxis

Wie können wir unserem Leib wieder eine Erlaubniss geben, sich wild auszudrücken. Unkontrolliert, sich zu erlauben und strömen zu lassen? Wie können wir mit Scham, Unsicherheit und Vorurteilen, die mit dieser wilden Körperlichkeit einhergehen und tief in uns drinne sind (stell dir mal vor du pupst in der Öffentlichkeit - than you know what i am talking about) - und das nicht auf einer theoretischen Verstehen-Ebene - sondern in der somatischen Praxis - was bedeutet es für dich deinen Leib sein zu lassen? Deinen wilden Leib zuzulassen?

Nicht kontrolliert, nicht angepasst – sondern neugierig, ehrlich, lebendig.
Nicht als theoretisches Konzept – sondern als verkörperte Erfahrung.

Was bedeutet es für dich, deinen Leib sein zu lassen?
Was braucht es, damit du deinem wilden Leib Raum gibst?

Vielleicht nur ein Atemzug.
Vielleicht ein Zittern.
Vielleicht ein Seufzer.
Vielleicht ein Lächeln.

Du entscheidest.
Der Raum ist da.

Zuzu Schäfer | APR 9, 2025

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